Passive Safety Systems
Transverse Center Airbag Transverse Center Airbag

Innenverteidiger für Klein- und Kompaktfahrzeuge

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Airbags zwischen den Vordersitzen nutzen sehr oft die Mittelkonsole zur Abstützung. Der neue Transverse-Center-Airbag von ZF kann auf diesen Support verzichten. Speziell für City-Flitzer gibt es damit zentrale Verstärkung beim Seitenaufprallschutz.
Achim Neuwirth,
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Achim Neuwirth ist seit 2011 als Autor für ZF tätig. Der Publizistiker schreibt bereits seit rund 20 Jahren über Mobilitätsthemen in allen Facetten.
Was gibt, abgesehen vom Gurt, den Fahrzeuginsassen bei Seitencrashs guten Rückhalt? Rennwagenpiloten sind in engen Schalen mit XXL-Seitenwangen fixiert und tragen Helm. Für Otto-Normalfahrer scheidet das aus: zu umständlich, unbequem und rückenfeindlich. Hier springen den Insassen bei Bedarf Luftsäcke zur Seite. Eine ZF-Lösung kann das seit 2021 auch in der Fahrzeugmitte. Einige Serienautos, etwa der Škoda Octavia, haben diesen Center-Airbag (CeAB) schon. Er dient dazu, Insassen besser zu schützen, wenn es auf der gegenüberliegenden Seite kracht, sprich: bei einem Far-Side-Crash. Auch kann der Center Airbag einen Zusammenstoß (Kopf-Interaktion) beider Insassen verhindern. Seine Effektivität hängt vom jeweiligen Pkw-Innenraum ab, insbesondere von der Art der Mittelkonsole. Um davon weitgehend frei zu sein, legt ZF jetzt mit dem Transverse-(Center-)Airbag für Klein- und Kompaktwagen nach.

Luftsack holt Stabilität über den Sitz

Was aber kann „Transverse“, was ein aktueller CeAB nicht kann? Das etablierte Airbag-Modell nutzt, wenn es sich aufbläst, die Mittelkonsole als Stützelement. Das ist konstruktiv vorgesehen, so können die zwei Kammern des Luftsacks für maximalen „Seitenhalt“ bis in Kopfhöhe sorgen.

In Klein- und Kompaktwagen allerdings fehlt meistens eine ausgeprägte Mittelkonsole: Im Gegensatz zu größeren Fahrzeugklassen reicht der enge Raum zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, wenn überhaupt, bloß für flache Ablagen oder Becherhalter. Und die sind ungeignet, den Bag zu stabilisieren. Also entwickelten die ZF-Ingenieure eine innovative, namensgebende Sitzanbindung für ihren neuen Transverse-Airbag: Am Airbag-Gewebe gibt es nun einen dritten Anbindepunkt direkt in die obere „Kopfkammer“.

Sitzseitig ist diese erstmals oben am Lehnenrahmen mitfixiert, über zwei Punkte. Diese optimierte Integration des Airbags in den Sitz ist ein Hauptunterschied zu heutigen Konzepten am Markt. Viele Vorteile und Möglichkeiten folgen daraus.

Der neue Transverse-Airbag ist oben an zwei Stellen (dual) an der Sitzstruktur befestigt – und zwar direkt über sein Gewebe. Damit benötigt er weder eine Mittelkonsole noch einen nebenstehenden Beifahrersitz, um bei einem Far-Side-Crash die erforderlich Stützkraft aufbringen zu können.

Die Quersteifigkeit, die dieses Schutzkissen in Tests aus dem Sitz heraus aufbringt, liegt mindestens auf dem Niveau des bisherigen Center-Systems. Sitzintegrationsuntersuchungen zusammen mit einem Sitzhersteller bestätigen das. „Wir sehen Potenzial für eine nochmals bessere Rückhaltung im Kopfbereich“, sagt Stojan Bogdanovic, Core Engineer for Side & Center Airbag bei ZF. „Fahrzeughersteller können damit zudem die innenliegende Kopfstützenhülse als eine neue Befestigungsmöglichkeit nutzen. Die bietet sich an, weil sie einfach und stabil ist“, sagt Dominique Acker, Manager Core Engineering Side & Center Airbag bei ZF.
Die innovative Sitzanbindung des Transverse-Airbags (rechts) steigert das Insassenschutzpotenzial auch in Klein- und Kompaktfahrzeugen – ideal beispielsweise für elektrische Stadtflitzer.

Center-Airbag punktet rundum

Das neue Schutzkissen liefert somit – auch ohne mittiges Abstützelement im Innenraum – eine Steilvorlage für Top-Bewertungen bei Crashtests. Fahrzeughersteller können diesen entspannter entgegensehen, selbst den zukünftigen: „Es gibt Überlegungen zu Crash-Versuchsanordnungen mit nochmals größerer Praxisnähe. Der ‚Pfahltest‘, der einen seitlichen Aufprall auf starre Objekte wie Bäume nachstellt, könnte ab 2025 in zusätzlichen Winkeln erfolgen. Ebenso möglich ist, dass man sich die Airbagwirkung bei verschiedenen Sitzhöheneinstellungen näher ansieht“, sagt Acker. Ob also bald mit dem ersten Transfer des Transverse-Airbags in ein Volumenfahrzeug zu rechnen ist? „Unser ‚Innenverteidiger‘ steht bereit. Sobald die Automobilhersteller Interesse bekunden, kann die Serienentwicklung starten“, betont Bogdanovic.